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Presseartikel FAZ 18.10.08

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 18.10.2008

von Tilman Spreckelsen


Wer erzählen kann


Der Nachterzähler heißt so. weil sein Haus bei Vollmond zum Treffpunkt derer wird, die eine neue Geschichte hören möchten - eine, die der Nachterzähler in den vorausgegangenen vier Wochen verfasst hat. "Ganz am Anfang, wenn der Mond schmal wie eine Sichel ist, fällt dem Nachterzähler der erste Satz einer Geschichte ein. Ist der Mond als halbe Scheibe am Himmel zu sehen, kennt er schon die Hälfte der Geschichte, aber die spanndenste Stelle und der Schluss fehlen noch. Am Tag des Vollmondes erzählt er dann schließlich die ganze Geschichte von Anfang bis Ende." Cordula Carla Gerndt, die den Nachterzähler erfunden hat, entwirft sie nach Märchenmotiven oder eigenen Einfällen, ihre Figur schmückt sie im Rahmen einer synästhetischen Weltsicht aus: Da klingt der Morgen, die Sonne riecht. Da ist die Esoterikgefahr nicht fern, und es braucht keine besondere Phantasie, um sich auszumalen, was mäßiger Begabte aus Mondzyklus und Sonnenduft gemacht hätten. Gerndt aber ist eine jener hochprofessionellen oralen Erzählerinnen, die ihre Geschichten für das Publikum mitunter aus dem Stegreif entwickeln können und die sich daher ihres Tons sehr sicher sind. Hier ist das ein Segen: Die Autorin spricht ihre Texte so lebendig wie abgeklärt, sie weiß, wie sie ihr Publikum erreicht, sie setzt alle Mittel ein, die ihr zu Gebote stehen. Und daher ist ihre CD nicht nur ein itelligentes Capriccio über das allmähliche Entstehen von Geschichten beim Reden: Sie zeigt auch, was für ein gediegenes Handwerk das Erzählen ist, wenn man es recht versteht.



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