Die Welterzählerin

 

Mein Alltag als Geschichtenerzählerin ist in der Regel sehr bunt. Zum Beispiel heute. Vormittags war ich auf dem Weg zu meinem wöchentlichen Erzähl- und Zuhörprojekt in einer Grundschule. Für die Erzählzeit in der Ü-Klasse (Flüchtlingskinder) hatte ich mir für die heutige Stunde einen großen, aufblasbaren Wasserball besorgt, auf dem die Welt abgebildet ist. Man kann die Kontinente und Länder sehr gut erkennen, alles schön bunt und plakativ. Ich wollte nämlich mit den Kindern gemeinsam einmal die ganze Welt betrachten und Leuchtpunkte dorthin kleben, woher die Kinder stammten. Und so stieg ich also vor der Schule aus meinem VW CADDY, meinem kleinen Storymobil, mit Erzählkoffer in der Hand und Weltkugel unterm Arm (Durchmesser 50cm!). Ein älterer Herr auf dem Bürgersteig sprach mich an: "Aha, Sie scheinen mir eine Frau von Welt zu sein!" Ich musste lachen und antwortete, dass es durchaus ein erhabenes Gefühl sei, sich einmal lässig die Welt unter den Arm zu klemmen. Am Schultor öffnete mir dann eine ausländische Mutter freundlich die Tür, mit den Worten: "Oh, darf ich mal sehen? Ich komme nämlich aus Afghanistan. Da!"

Das Erste, was die Kinder dann einhellig bei der Betrachtung des Globus feststellten, war: "Soooo viel Wasser!" Da macht ja meine Wasserballweltkugel richtig Sinn, dachte ich mir. Und dann haben wir gemeinsam fleißig Herkunftsleuchtpunkte aufgeklebt. Von Spanien bis zu den Philippinen (von West nach Ost betrachtet), 10 verschiedene Länder. Eine unglaubliche Bandbreite! Als ich schließlich nach der Erzählstunde auf dem Heimweg noch kurz bei meinen Projektpartnern im Stadtteiltreff Berg am Laim vorbeischaute, wurde ich - immer noch den Wasserball unter dem Arm - mit den Worten begrüßt: "Seht, da kommt die Welterzählerin!"

Ja, das bin ich. Eine Welterzählerin. Wie Märchen und Geschichten wandere ich durch die Welt und erzähle das, was mir dort begegnet. Und das am liebsten für Menschen - aus aller Welt! Was für ein wunderbarer Beruf!


 
Cordula Gerndt