Die Erbsenprobe

 

Eine Lehrerin hatte sich gewünscht, dass ich ihren Schülerinnen und Schülern das Märchen "Die Prinzessin auf der Erbse" von Hans Christian Andersen erzähle. Ich habe mir die Geschichte also daraufhin genauer angeschaut und festgestellt, dass das eine ziemlich merkwürdige Story ist. Ein Prinz will unbedingt eine echte Prinzessin heiraten. Na gut, das kann man noch verstehen. Aber als er dann um die Welt reist, passt ihm an den angeblichen Prinzessinnen immer irgendetwas nicht. Na gut, auch das ist nachvollziehbar. Es ist für einen Mann ja wirklich nicht leicht, die passende Frau zu finden. Doch als der Prinz dann enttäuscht und ohne Prinzessin wieder heimkehrt, nehmen sich auf einmal die Eltern, der alte König und die alte Königin, der Sache an. Es wirkt so, als ob sie es sind, die sich für ihren Sohn eine wirkliche Prinzessin wünschen. In einer stürmischen Nacht klopft dann ein völlig vom Regen durchnässtes Mädchen ans Schlosstor, behauptet eine Prinzessin zu sein und bittet um ein Nachtlager. Der König lässt sie herein, und die Königin denkt sich sogleich listig die Erbsenprobe aus. Und tatsächlich: Das Mädchen spürt die kleine harte Erbse unter 20 Matratzen und 20 Daunenbetten. Eine echte Prinzessin! Hochsensibel würden wir heute sagen. HSP - high sensitive person. Extrem empfindsam, feinfühlig und "spürig". Ob es das ist, was der Prinz wollte? Wir wissen es nicht. Nun, er hat die Prinzessin jedenfalls geheiratet, der alte König und die alten Königin waren zufrieden, und die Erbse kam ins Museum. Aber ob Prinz und Prinzessin "glücklich lebten, bis an ihr Ende", das erzählt uns Hans Christian Andersen nicht.

Den Kindern in der Grundschulklasse waren solche Überlegungen ziemlich egal. Da galt es eher die entscheidende Frage zu beantworten, wie man auf so einen hohen Matratzenberg hinaufkommt und wie es sein kann, dass man durch all die Decken eine einzelne Erbse spürt. Die Kinder bemerkten nicht einmal die Erbsen, die ich vor der Erzählstunde unter ihre Sitzkissen gelegt hatte ... Das ist der Beweis: Wirkliche Prinzen und Prinzessinnen gibt es heutzutage wohl nicht mehr!


 
Cordula Gerndt