Geschichten grenzenlos

 

Am 20. März ist Weltgeschichtentag! Jedes Jahr. Da werden rund um den Globus eine Menge Märchen und Geschichten erzählt. Und das Beste ist: Wenn du, sagen wir mal in Indien, eine Geschichte hörst, dann kannst du sie mitnehmen. Einfach so. Natürlich nur, wenn sie dir gefällt. Du wirst an keiner Grenze kontrolliert. Geschichten brauchen keinen Reisepass, kein Visum, keine Aufenthaltsgenehmigung. Geschichten kosten keinen Zoll. Geschichten überwinden Mauern. Du kannst sie einfach weiterflüstern, weitererzählen, weiterrufen. Direkt von Mund zu Ohr. Und schon hat sie ein anderer und kann sie nun selbst weitergeben. Ein Sprichwort sagt: "Solange du eine Geschichte erzählst, gehört sie dir. Sobald du sie erzählt hast, gehört sie allen." Geschichten für sich alleine zu haben, nützt wenig. Erst wenn man eine Geschichte erzählt, entfaltet sie ihre Kraft.

Am Tag vor dem Weltgeschichtentag, am Sonntag den 19. März, war ich in München auf dem Max-Joseph-Platz. Das ist der Platz vor der Oper. Dort fand eine Kundgebung von Pulse of Europe statt. Es ging um Weltgeschichte. Genauer gesagt: um europäische Geschichte. Noch genauer: um Europa und die Welt. Es war sehr berührend mitzuerleben, wie sich etwa 2.000 Menschen versammelten, um ihrem positiven Grundgefühl für die Europäische Union Ausdruck zu verleihen. Verschiedene Redner traten ans öffentliche Mikrofon und teilten innerhalb von 3 Minuten mit, warum ihnen Europa wichtig ist. Ein Mann erzählte dabei die Geschichte seiner Familie. Von seinem Großvater, der aus Schlesien vertrieben wurde. Von der Mutter in der ehemaligen DDR. Von sich selbst als einem Grenzüberwinder. Ein Stück Deutsch-Europäische Familiengeschichte. In 3 Minuten. Und man konnte spüren, wie diese Erzählung die Leute auf dem Max-Joseph-Platz bewegte. Eine kleine persönliche Geschichte. Und doch Stoff für die Allgemeinheit. Ein Stück Geschichte für alle.

Wie Europa zu seinem Namen kam, erzählt ein alter griechischer Mythos, den ich in meinem Erzählprogramm aus den Metamorphosen des Ovid auch immer wieder gerne nacherzähle. Der Göttervater Jupiter entführte einst ein schönes Mädchen namens Europa, eine phönizische Prinzessin. Er verwandelte sich in einen prächtigen Stier und schwamm, mit dem Mädchen auf dem Rücken, übers Meer. Und dort, wo die beiden schließlich wieder Festland betraten, auf der Insel Kreta nämlich, dort wird in Folge dessen der ganze Kontinent nach der Prinzessin benannt: EUROPA. Das ist eine alte Geschichte. Und doch eine, die uns an die Anfänge erinnert. Jetzt und heute sollten wir diese Geschichte positiv weitererzählen, statt das Buch zuzuklappen und unser Schicksal zu beweinen.


 
Cordula Gerndt