Der Story-Teller

Ich habe mich bei einem Story-Teller angemeldet. Gewissermaßen ein Feldforschungsprojekt für mich als Erzählerin. Bei diesem Event geht es nämlich - neben einem leckeren Abendessen - darum, Geschichten aus dem eigenen Leben zu erzählen und natürlich auch Stories von anderen zu hören. Kein "Dating" (zumindest nicht vorrangig), sondern eine Möglichkeit, mit fremden Mitmenschen auf andere, "tiefere" Weise in Kontakt zu kommen. "Na, ich bin gespannt, ob das an dem Abend dann mehr Story oder mehr Teller sein wird ...", sagte eine Freundin zu mir. Eine berechtigte Frage! Sowohl beim Geschichtenerzählen als auch beim Essen brauchen wir aktiv Mund und Bauch. Und eigentlich lässt sich immer nur eines auf einmal tun: essen oder reden. Schon als Kind kam ich bei den abendlichen Tischgesprächen in der Familie regelmäßig in Not. Einerseits war ich hungrig, wollte essen, wollte schmecken, wollte kauen und verdauen. Andererseits wollte ich erzählen, mitteilen, fühlen und ausdrücken, was mich den Tag über beschäftigt hatte. Beide Bedürfnisse buhlten nun am Abendbrottisch um meine Gunst. Oft gewann das Erzählen die Oberhand. Das Käsebrot auf dem Teller musste warten. Dann waren plötzlich alle fertig mit Essen, nur ich war nicht satt. Mir steckten noch die Worte im Hals.

Während Gefühltes und Erlebtes von unten nach oben wandert (also aus dem Bauch, durch den Hals, bis zum Mund und dann in Form von Worten hinaus in die Welt), wandert Gekochtes und Geschmiertes von oben nach unten (also von der Küche auf den Teller, dann in den Mund, durch den Hals, bis hinunter in den Bauch). Dass sich diese beiden Bewegungen leicht in die Quere kommen, ist eigentlich klar. Im dünnen Hals bleibt dann entweder ein Wort oder ein Bissen stecken, und zum Atmen bleibt sowieso kein Raum mehr. Drum war die Anmeldung zum Story-Teller wirklich ein Wagnis für mich. Würde ich das überleben - ohne Erstickungserscheinungen? Ich habe es überlebt. Sehr gut sogar. Es gab definitiv mehr Story als Teller an diesem Abend. Das Essen lief "fast nebenbei", kleine Häppchen, die sich während des Zuhörens leicht schlucken ließen, immer wieder Pausen, um in Ruhe zu kauen. Zu jedem Gang wurde eine Frage serviert, die es dann mit dem Tischpartner oder der Tischpartnerin (der oder die bei jedem Gang wechselte) auszutauschen galt. Zum Beispiel: "Erzähle von einer Zeit, als das Leben dich aufgefordert hat, mutig zu handeln. Was hast du gelernt, das dich immer noch begleitet?" Kein oberflächliches Geplauder also, sondern ein Schürfen in der eigenen Lebensgeschichte, ein Hervorholen von Erinnerungen, ein Tischgespräch mit Tiefe. Das ist schön und wohltuend. Und wenn dann eine Story geteilt ist, dann schmeckt das Essen umso besser. Vielleicht, weil die Geschichten, die man hört, und auch die Erlebnisse, die man erzählt, auf ihrem Weg Richtung Mund am Herzen vorbeigewandert sind? Vielleicht, weil das Essen, während es in Richtung Magen rutscht, auf Höhe des Herzens ein wenig innehält und dadurch eine andere Note bekommt? Es ist wahrlich nicht leicht, essen und reden in wohltuender Weise zusammenzubringen. Aber wenn es gelingt, so wie an diesem Abend, dann ist es eine Herzensfreude!

So einen Story-Teller kann man sich übrigens ganz leicht nach Hause holen: lecker kochen und achtsam reden. Und ob die Betonung auf Story oder Teller liegt, ist im Grunde genommen egal. Mal so und mal so. Nahrhaft ist es dann in jedem Fall!

Cordula Gerndt