Heißes Wasser kochen

Kochen wir nicht alle oft nur mit Wasser? Produzieren wir nicht alle manchmal heiße Luft? Egal wie professionell wir uns fühlen oder auch sind? Nun, Wasser zu kochen und Dampf zu plaudern ist ja an sich nichts Schlechtes. Meint zumindest mein Wasserkocher.

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Mein Wasserkocher ist nicht mehr der jüngste. Doch seit einigen Tagen muss er alles geben. Heißes Wasser für die Wärmflasche, für Tee, für ein langsam ansteigendes Fußbad, fürs Inhalieren. Ich bin krank. Habe irgendeinen dieser fiesen Infekte der Vorweihnachtszeit aufgeschnappt, die einen gerne in der U-Bahn, bei Erzähleinsätzen in Schulklassen oder auf dem Weihnachtsmarkt erwischen. Schüttelfrost, Nebenhöhlen zu, schmerzende Bronchien. All mein Tun - nachdem alles, was zu tun war, abgesagt ist - besteht seit ein paar Tagen im Hin und Her zwischen Bett und Wasserkocher. Der alte Kessel röchelt, scheppert, klappert und schnarrt. Aber er tut brav seinen Dienst. Zwar rieselt mir bei jeder Füllung von Wärmflasche, Teekanne oder Inhalierschüssel zentimeterdick der Kalk entgegen, aber das Wasser ist heiß. Das Alleinsein, der ständige Kontakt mit dem Kocher ... was soll ich sagen: Mein Wasserkocher und ich kamen zum ersten Mal ins Gespräch.

W: "Hey, wie geht's?"
Ich (erstaunt): "Äh ... nicht besonders gut. Ich bin erkältet."
W (grinsend): "Ich weiß nicht, wer schlimmer röchelt, du oder ich."
Ich: "Die Bronchien."
W: "Der Kalk."
Ich: "Alles klar. Ich entkalke dich. Gleich heute. Hab ja grade Zeit."
W: "Danke."

Pause. Das Wasser kocht. Ich fülle die Wärmflasche, nicke dem Wasserkocher noch mal kurz zu und will die Küche verlassen.

W: "Warte mal! War's das schon? Sieben Jahre kein Wort und jetzt nur Smalltalk? Ich meine, was soll das? Du bist Erzählerin. Jedem schenkst du dein Ohr, nur mir nicht. Ich hab auch mal Gesprächsbedarf."
Ich: "Sorry, ich bin krank. Mir ist nicht so nach reden. Ein andermal."
W: "Warum bist du denn krank geworden?"
Ich: "Was aufgeschnappt."
W: "Was denn?"
Ich: "Einen Virus. Beziehungsweise ... eigentlich ... ein Wort."
W: "Ein Wort? Welches denn?"
Ich: "Bronchitis."

Na sowas, mein Wasserkocher hat es durch seine Fragerei aufgedeckt: Ich bin ein Wort-Hypochonder. Ich brauche weder Viren noch Bakterien, um krank zu werden. Bei mir genügt ein Satz, manchmal sogar nur ein Wort. Ich schnappe es auf und erwecke es mit meiner Fantasie zum Leben. Zum Beispiel: Stell dir vor, ich bin gesund, munter und vergnügt. Ich gehe zum Tanzen. Da sagt L auf einmal: "A kommt heute nicht. Er hat Bronchitis." In diesem Moment beginnt in mir eine Geschichte zu reifen. Mein Unterbewusstsein macht sich farbige Gedanken: Aha, A hat Bronchitits. Der Arme. Ein böser Husten, so eine Bronchitis. Ja, Bronchitis, das kenne ich gut, hatte ich früher auch mal. Ist 'ne schlimme Sache, so eine Bronchitis. Gut, dass ich gerade keine Bronchitis habe ... Meine Lunge lauscht angestrengt und schnappt nach Luft. Sie hört ständig: Bronchitis, Bronchitis, Bronchitis. In allen Variationen. Und sie fragt sich: Ist es das, worum es in dieser Geschichte geht? Wo bekomme ich denn da jetzt schnell eine her? Drei Tage später beginne ich zu husten ...

Meine ausgeprägte Fantasie und Vorstellungskraft spielt mir manchmal einen Streich. Das ist die Kehrseite der Medaille, wenn man lebendig, ausdrucksstark und überzeugend erzählen kann. Geschichten wirken - nach außen und nach innen. Auch solche, die man gar nicht hören will. Andererseits: Wer weiß schon, wozu eine Geschichte gut sein kann? Schließlich wäre ich ohne die Erkältung niemals mit meinem Heißwasserkocher ins Gespräch gekommen. Und ich muss sagen: Der Kerl hat einiges auf dem Kasten! Der kann mehr als Wasser kochen! Brühwarm erzählt er mir richtig tolle stories und versteht es, die Stimmung in der Küche innerhalb von Minuten zum Brodeln zu bringen. Ein richtiger Entertainer! Noch nie bin ich während einer Erkältung so kurzweilig und geistreich unterhalten worden. Wasserkochen - eine hohe Kunst!

Cordula Gerndt