Ich hab 'ne Meise!

Ich hab 'ne Meise auf meinem Balkon zu Gast. Sie kommt seit ein paar Wochen jeden Tag, immer vormittags so gegen zehn. Zu der Zeit sitze ich meist am Schreibtisch und brauche nur den Blick zu heben, um die kleine Meise zu beobachten. Zunächst wippt sie auf ihren dünnen Stelzenbeinchen eine Weile auf dem Balkongeländer und sondiert die Lage. Sie wirft mir einen kurzen Blick zu und macht sich dann an die Arbeit. Sie weiß inzwischen, sie hat meine Erlaubnis.

Es ist nämlich so, dass ich auf meinem Balkon ein geradezu ideales Materiallager für die anspruchsvolle, komfortable Meisennestausstattung biete. Kostenfrei. Zur Selbstbedienung. Zum einen steht jede Menge bestes Rauhaar zur Verfügung. Mein kleiner Dackel wird regelmäßig draußen gebürstet, und der Wind treibt sein festes, strapazierfähiges, dunkelsaufarbenes Haar dann in den Ritzen der Holzpanelen zusammen. Dort hängt es fest, und eine geschickte Meise kann es mit Leichtigkeit einsammeln. Rauhaardackelhaar ist bestes Nistmaterial: robust, wasserabweisend und zugleich kuschelig weich. Doch es kommt noch besser! Auf meiner Balkonbank liegt nämlich ein echtes Haidschnuckenfell aus der Lüneburger Heide. Kein gewöhnliches Schaffell - nein! Ein melliertes Schnuckenfell mit langen festen Haaren in verschiedenen Grauschattierungen. Die besondere Designausstattung für jedes Meisenheim. Haidschnuckenhaare lassen sich hervorragend rupfen und dann schnabelweise ins Nest tragen.

Während ich die kleine Meise bei der Arbeit beobachte (Füße ins Fell stemmen, 3-4 Haare mit dem Schnabel packen, Köpfchen in den Nacken legen und mit aller Kraft ziehen!), stelle ich mir vor, wie das Nest im Meisenkasten gegenüber von Tag zu Tag gemütlicher wird. Bald werden Eier gelegt und ausgebrütet. Und dann, ja dann genießt hoffentlich eine Schar Meisenkinder ein wunderbares Zuhause. Es riecht nach Haidschnucke. Es riecht nach Dackel. Der Geruch der großen weiten Welt ... Was will man mehr als kleines Vögelchen? Ein sicheres, warmes, weiches Nest mit exotischen Gerüchen ist, so denke ich, eine gute Basis für ein weltoffenes Leben. Und wenn ich die Tage in der Frühlingssonne auf meiner Balkonbank sitze und die ein oder andere klitzekleine kahle Stelle im Haidschnuckenfell betrachte, dann weiß ich: Das Materiallager gibt noch einiges her und steht auch im nächsten Jahr wieder zur Verfügung. Kostenfrei. Zur Selbstbedienung.

Cordula Gerndt