Schwarzes Loch

Ich war auf Reisen. In Schottland. Bei meiner Wanderung durch die Highlands ist mir Torf in rauen Menge begegnet. Torf aus dem Hochmoor mit den Händen zu greifen und zum Beispiel eine Kugel daraus zu formen, ist ein großes Vergnügen. Torf liegt nämlich, so wie qualitativ hochwertige Blumenerde, feucht, kühl und fest in der Hand. Das fühlt sich richtig gut an. Und ich kann mir vorstellen, dass ein Ganzkörper-Moorbad in den Highlands eine tolle Erfahrung sein muss!

Schottlands Geheimnisse gründen im Torf. Zum Beispiel Loch Ness. Dieser See ist so groß, dass Platz genug in ihm wäre, um alle Menschen dieser Erde aufzunehmen. Eine riesige, langgestreckte Wasserfläche im Great Glen, dem großen Tal, das den Atlantik mit der Nordsee verbindet. Das Wasser von Loch Ness ist dunkel, fast schwarz. Das liegt am Torf. Und so ist es kein Wunder, dass sich in diesem undurchsichtigen Gewässer hartnäckig Geheimnisse und Rätsel halten.

Das Seeungeheuer Nessie zum Beispiel, von dem seit langer Zeit fabuliert wird. Und Nessie gehen noch jede Menge folkloristischer Erzählungen über diverse Seedrachen und Wasserpferde voraus. Aber nicht nur große Monster, sondern auch winzige Spuren bedeutender Ereignisse finden sich in Loch Ness. Bodenproben, die aus dem über 300 Meter tiefen See entnommen und wissenschaftlich untersucht wurden, zeigen Partikel aus den sich verändernden Wäldern, Holzkohle aus Waldbränden, Glassplitter aus den Vulkanen Islands, Kohlepartikel aus saurem Regen und radioaktive Isotope aus Atomtests und Tschernobyl. Loch Ness birgt also wahrlich viele Geheimnisse.

Ich als Geschichtenerzählerin liebe Phänomene wie dieses schwarze Loch. Unergründlich. Ungewiss. Ein unerschöpflicher Pool für die Fantasie. Und doch zugleich ganz real. Man kann den See umwandern, darin schwimmen, hineintauchen, mit dem Boot darauf herumschippern oder einfach nur gedankenverloren hineinstarren. So ein tiefes, dunkles Wasser ist voller irreführender Illusionen und Spiegelungen. Und zugleich ein Forschungsobjekt der Extraklasse. Durch intensive Ultraschall-Untersuchungen hat man beispielsweise die Fische gezählt. Dazu wurde das Echo gemessen, das von ihren gasgefüllten Schwimmblasen zurückgeworfen wurde. Mittels Schallwellen konnte man auch die nächtliche Migration junger Fische an die Wasseroberfläche aufzeigen. All diese Daten wurden genauestens analysiert. Viel wurde erforscht und aufgedeckt. Dennoch bleibt so manches im Dunkeln des torfigen Wassers.

Letztlich darf dann jeder Schottland-Reisende selber entscheiden, ob das Wasser von Loch Ness ein Schleier ist, der sich lüften lässt, oder ein Spiegel für die eigene Fantasie. Und das betrifft nicht nur dieses schwarze Loch, sondern all die letzten ungelösten Rätsel unserer Zeit. Dichtung und Wahrheit. Facts and Fiction. Stoffreste für die wachsende Zunft der Geschichtenerzähler!

Cordula Gerndt