Stadtmaus und Landmaus

Stadtmaus und Landmaus leben in unterschiedlichen Welten. Das weiß man ja. Spätestens seit Aesops Fabel. In seiner Geschichte ist es die Landmaus, die augenscheinlich ein glücklicheres und zufriedeneres Leben führt. In aller Bescheidenheit und Schlichtheit, dafür aber in Ruhe und Frieden. Die Stadtmaus schwelgt zwar in Überfluss und Luxus, muss aber dabei ständig um ihr Leben fürchten. Die Stadt, mit ihren Gefahren und Risiken, wird von Aesop verteufelt. Das Land, mit seiner Bodenständigkeit und Ruhe, verklärt. Letztlich ist es wohl so, wie mit allen Dingen: Beides hat seine Qualitäten und ebenso seine Schattenseiten.

Ich frage mich: Bin ich eher Stadtmaus oder Landmaus? Wo finde ich meine Ruhe und Zufriedenheit? Ich mache ein Experiment: Eine Woche lang ziehe ich mit meinem Dackel hinaus aufs Land. Vor die Tore Münchens. In ein kleines, feines Häuschen mit Garten. Den Wald ums Eck. Wiesen rundum. Ein Badesee nahebei. Alles, wovon ich in der Stadt immer träume, wenn ich mich am Sendlinger Tor Platz durch die Großbaustelle arbeite, dabei jede Menge Feinstaub einatme und mich dann in eine überfüllte U-Bahn quetsche.

Und wirklich: Es ist wundervoll, morgens mit nackten Füßen durch den Garten zu spazieren. Im Wald in aller Frühe eine Stunde mit dem Hund zu laufen. Den Morgentee mit Blick über die frisch gemähte Wiese einzunehmen. Und den Gartenschreibtisch unter dem alten Apfelbaum aufzubauen.

Ruhe, Glück, Zufriedenheit? Ja.

Und nein. Meine Gedanken kreisen um die verschiedenen Dinge, die noch erledigt werden müssen. Mein Hund bellt lautstark, als die Pferde auf dem Nachbargrundstück auf die Koppel geführt werden. Mücken surren um meinen Arbeitsplatz. Der Bauernmarkt geht nur bis 12 Uhr, danach sind die Läden hier draußen zu. Also doch erst noch schnell etwas einkaufen und dann arbeiten? Oder erst mal die Beete wässern? Es ist ein heißer Tag. Die Blumen lassen schon die Köpfe hängen.

Einmal in dieser Landwoche „muss“ ich in die Stadt rein. Die Balkonblumen gießen und ein paar Kleinigkeiten erledigen. Beim Gang durch mein vertrautes Viertel begegne ich einem Bekannten. Wir ratschen, während mein Hund freudig am Wegrand „die Zeitung liest“ und seine Sozialkontakte pflegt. Es ist noch Zeit für einen kleinen Kaffee in einem der vielen Cafés ums Eck. Die Sommerluft in der City ist stickig, doch der Sonnenplatz auf dem Bürgersteig schenkt einen wunderbaren Blick auf all die Stadtmäuse, die geschäftig vorbeiwuseln. Es gibt viel zu beobachten. Stoff für Geschichten.

Später steige ich wieder bei meinem Landhäuschen aus dem Auto und atme tief durch. Ich schüre den Holzofen ein, mein Hund rollt sich gemütlich daneben zusammen. Und dann setze ich mich hin und schreibe. Von Landmäusen und Stadtmäusen. Und von innerem Frieden und Zufriedenheit. Mal auf dem Land. Mal in der Stadt. Ich möchte keines von beiden missen. Ich bin Stadt- und Landmaus zugleich.

Cordula Gerndt